Be angry – die Kraft der Wut kreativ nutzen

Strichmännchen springt motiviert eine Treppe hinauf mit den Worten „Ich will – ich kann – ich werde“ – Symbol für die kreative Kraft der Wut.

Wut gehört zu den menschlichsten Gefühlsregungen überhaupt – und gleichzeitig wird sie im Alltag oft unterdrückt. Doch gerade die Auseinandersetzung mit der eigenen Wut kann ein Wegweiser sein, hin zu Klarheit, innerer Stärke und einem Leben, das wieder spürbar wird.

Inhaltsverzeichnis

Die unterschätzte Botschaft unserer Wut

„Be angry – die Kraft der Wut kreativ nutzen“ – so lautet ein Buchtitel des Dalai Lama. Was auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpasst, macht deutlich, dass Wut eine zutiefst menschliche Regung ist. Sie gehört zu uns wie jede andere Emotion.

Werden deshalb auch Sie wütend – und lernen Sie so Ihre Wachstumsthemen kennen. Natürlich geht es langfristig um Harmonie, Frieden und Mitgefühl mit sich selbst und der Umwelt. Doch im Coaching höre ich immer wieder, dass Menschen bemüht sind, „positiv zu denken“ und sich zurückzunehmen. Zwischen den Zeilen möchten sie signalisieren: Ich bin doch schon auf dem Weg, ich gebe mir Mühe …

Was passiert eigentlich, wenn Wut dauerhaft unterdrückt wird?

Es kommt sehr häufig zu:

  • psychischen und psychosomatischen Beschwerden
  • einer schleichenden Gleichgültigkeit
  • einer Entkoppelung von den eigenen Wünschen und Bedürfnissen

Gefühlsregungen sind innere Wegweiser

Ich spreche nicht davon, Aggressionen im Außen auszuleben, sich zu streiten, Protestbewegungen beizutreten oder gar gewalttätig zu werden.

Es geht um etwas anderes: um die Erkenntnis, dass jede Gefühlsregung ein innerer Wegweiser ist. Sie führt instinktiv zu verborgenen Anteilen des Selbst und zeigt, welche Entwicklungsschritte als Nächstes anstehen.

Wut – einmal bewusst wahrgenommen – ist eine kreative Kraft. Sie ermöglicht Wachstum ohne großes Zutun, weil ein Mensch in diesen Momenten in Kontakt mit sich selbst ist. Und genau dieser Kontakt ist entscheidend. Er verbindet auf allen Ebenen mit dem eigenen Lebensplan und seinen Entfaltungsmöglichkeiten.

Wut und Angst ergänzen sich

Ähnlich verhält es sich mit der Angst. Der Unterschied: Wut zeigt sehr direkt, welches Thema innerlich „auftaucht“, während Angst ihre Botschaften eher verschlüsselt vermittelt. Im Coachingprozess wird die Angst Schicht für Schicht freigelegt, bis ihre Quelle sichtbar wird. Sigmund Freud sprach an dieser Stelle von der Erkenntniskraft des Widerstands – einer der Grundpfeiler der Psychoanalyse und ein deutlicher Hinweis darauf, wo ein Mensch beginnt, sich zu verweigern, bis hin zur Wut.

Der Zugang zur eigenen Wut fällt vielen leichter, wenn sie an Situationen denken, in denen aus Mitgefühl für das Leid eines anderen Menschen Wut entstand. Diese Art der Wut wird gesellschaftlich eher akzeptiert als diejenige, die aus dem eigenen Schmerz kommt. Genau hier liegt die Herausforderung: sich selbst ernst zu nehmen und die eigene Wut zuzulassen.

Welche Möglichkeiten entstehen, wenn sich ein Mensch auf seine Wut einlässt?

Wenn ein Mensch sich mit seiner Wut – ebenso wie mit seiner Angst – näher befasst, kann er:

  • persönliche Frustrationen lösen
  • Kraft für notwendige Veränderungen gewinnen
  • einem Burnout oder einer Depression entgegenwirken und zu einem sinnvollen Leben finden
  • seine körperliche Gesundheit unterstützen: Blutdruckregulation, Rückenstärkung, Immunsystem, Darmgesundheit – bis hin zur Linderung eines Tinnitus

Für ein wirksames Arbeiten an sich selbst ist es deshalb so bedeutsam, die eigene Wut nicht länger zu verdrängen, sondern konstruktiv zu nutzen. Dazu gehört eine behutsame Analyse – so wie wir sie systemisch mit unseren Klientinnen und Klienten durchführen.

Es gibt kaum etwas Kraftvolleres als den Moment, in dem ein Mensch sich öffnet und seine Wut ausspricht. Das ist alles andere als einfach. In unserer westlichen Kultur werden wir darauf geprägt, „die Faust in der Tasche“ zu machen, uns anzupassen, brav zu sein, nicht aufzufallen, aber zu gefallen – in der Hoffnung, irgendwann Anerkennung zu erhalten. Viele Menschen erleben, dass genau das nicht geschieht. Je stärker sich jemand anpasst, desto häufiger werden die eigenen Bedürfnisse übergangen.

Das gilt beruflich wie privat: in Verhandlungen, in Beziehungen, im Vertrauen in die eigene Kompetenz.

Wenn ein Mensch jedoch – unter anderem durch die Begegnung mit seiner eigenen Wut – bei sich selbst ankommt und seine echten Bedürfnisse erkennt, verändert sich seine Präsenz. Seine Kommunikation, seine Ausstrahlung und seine innere Haltung werden klarer.

Denken Sie jetzt: Aha, ich soll also wütend auftreten?

Eben nicht.
Sie sollen gar nichts.

Wut kann innerlich kreativ genutzt werden – still, reflektiert, kraftvoll. Gleichzeitig kann die Kommunikation mit der Außenwelt ruhig und harmonisch bleiben. Ein Mensch wirkt dann lebendig, klar und inspirierend.

Entscheidend ist, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten: Welche Themen machen wütend? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Und welcher erste Schritt führt wieder zu mehr Freude im eigenen Leben?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Entdeckungsreise zu sich selbst.
Ihre
Agnes Martin-Dulemba